Stern TV: Kinderpsychologe hält "Counter-Strike" für harmlos

Stern TV: Kinderpsychologe hält "Counter-Strike" für harmlos

Stern-TV. www.bremer-zwillinge.deGestern habe ich die aufgezeichnete "Stern TV" Sendung vom 18. März 2009 gesehen. Aufgrund der Aktualität des Themas berichtete die Sendung indirekt über den Amoklauf des Tim K. in Winnenden, primär ging es um die Frage, was den Täter zu so einer schrecklichen Tat bewogen haben könnte. Im Gespräch als Ursache waren natürlich Gewalt darstellende Computerspiele, sowie die Tatsache dass der Vater des Täters Sportschütze war und scheinbar über 20 Schusswaffen zuhause hatte. Eine davon war nicht sauber weggeschlossen, es war die Beretta 92FS Pistole, welche Tim K. später dazu benutzte, über 15 Schüler hinzurichten. Ausserdem wurden ingesamt über 4'300 Schuss Munition im Haus gefunden, über 200 davon nahm Tim K. mit - offensichtlich hatte er also leichten Zugriff darauf.

Das Kamerateam war zu Gast bei einer Waffenausstellung in Deutschland und sprach dort mit einem Vertreter einer nicht namentlich genannten Waffenfirma (dahinter stand aber gross und fett "Mauser"). Dieser sagte, dass nicht der Waffenbesitz für so eine Tat schuld sein könne, sondern eher die Gewaltdarstellung in den Medien, also Games. Eine andere Reaktion war ja nicht zu erwarten.

Interessant wurde es, als die Szene wechselte, und zwar zu einer LAN Party in Deutschland. Der 22-jährige Organisator der Party wurde zur Thematik befragt, einige Male wurden kurze Szenen aus "Counter-Strike" eingeblendet. Der erste Kommentar der Off-Stimme, während die Kamera einen Spieler filmte, welcher offensichtlich gerade beim Spiel verloren hatte und darüber amüsiert auflachte und seinen Gegner lobte:

"Zugegeben, richtig aggressiv sieht hier niemand aus."

stern TV Sendung, 18. März 2009, Bericht über die Gründe für Tim K.'s Amoklauf

Offenbar hatte die Redaktion hier Menschen hinter den Computern erwartet, die vor Wut schnauben, einander ständig Morddrohungen zuschreien und beim ersten Verlust einer Runde die Pistolen und Messer hervorholen. Allein dieser Satz beweist, was für ein falsches, verhetzendes und unfaires Bild die Medien von den Gamern verbreiten ...

Zurück im Studio sass der Moderator Günther Jauch neben dem Organisator der LAN, vor diesem ein PC. Der Bildschirminhalt wurde auf Monitore im Studio übertragen. Jauch bat den jungen Mann, doch einmal für ihn Counter-Strike zu spielen. Währenddessen stellte er ihm pikante Fragen: "Man muss sich hier also unbedingt mit Waffengewalt durchsetzen?" Fälschlicherweise antwortete der Organisator, der sich konzentrationsmässig nicht richtig zwischen Spiel und Jauch entscheiden konnte, mit "Ja, man muss sich mit Waffengewalt durchsetzen". Dies ist natürlich falsch - das erfolgreiche Retten/Zurückhalten von Geiseln und Entschärfen/Legen von Bomben bringt einem Team theoretisch einen Punkt, ohne dass irgendwer virtuell seine Waffe abgefeuert hat. Das lassen wir aber so stehen.

Anschliessend setzte sich Jauch in eine Gesprächsrunde mit einem SPD-Politiker, einem Vertreter der deutschen Schützenvereine, und einem Kinderpsychologen, allesamt ältere, gestandene Herren. Ungleich seinem Kollegen im zuvor gezeigten Video schob der Vertreter der deutschen Schützenvereine die "Schuld" für Tim K.'s Amoklauf nicht primär auf Videogames. Er nannte das Umfeld der Täter als problematischen Punkt. Im Besitz von über 20 Waffen und über 4'300 Schuss Munition sah er indes keine Gefahr; schliesslich sei der Vater Sportschütze, und als socher benötige man für jede Disziplin eine andere Waffe, wohl etwa so, wie ein Fechter seinen Degen zuhause hat. Aber gleich mehrere? Die Idee der zentralisierten Waffenaufbewahrung, also z.B. im Schützenhaus, wurde vom SPD-Politiker als umsetzbar dargelegt, der Herr vom Schützenverein aber meinte, die Waffen seien so viel leichter für Einbrecher zu kriegen. Daraufhin nannte der Politiker auch die Gewaltdarstellung in Games als Problem.

Der Kinderpsychologe begann seinen Kommentar folgendermassen:

"Nun ja, also, wie wir ja gesehen haben, ist dieses viel umstrittene 'Counter-Strike' ein völlig harmloses Spiel. Wir haben früher auch Pistolen gebaut, und mit Stöcken aufeinander eingedrescht."

stern TV Sendung, 18. März 2009, anwesender Kinderpsychologe (Name leider nicht bekannt), Bericht über die Gründe für Tim K.'s Amoklauf

Wie viele andere Spiel-, Medien- oder Psychologieexperten zuvor auch schon, sah er das Problem auch eher im Charakter Tim K.s und in seinem Umfeld. Er sagte, dass K. auch schon als kleiner Junge sehr isoliert war, und Kinder seien soziale Wesen, somit ist ein Kind das sich zurückzieht ein unglückliches Kind, auch wenn man es von aussen nicht sehe. Er habe sich die Freundschaft der jungen Menschen um sich gekauft, sie hatten hinter seinem Rücken über ihn gelacht. Er glaubte, dass Gewalt darstellende Medien eventuell ein Tropfen in dem schlussendlich überlgelaufenen Fass Tim K.'s waren, jedoch nie und nimmer die Ursache.

Hier sprach ein wahrer Experte, ein Psychologe, kein "Pädagogiker". Ich denke selbst auch, dass Games bei bereits stark labilen Personen eine negative Auswirkung haben können. Deshalb sind aber noch lange nicht die Games zu beschulden geschweige denn irgendwelche Verbote in Betracht zu ziehen. Geradesogut könnte man es verbieten, dass Jugendliche in ihrem sozialen Umfeld nicht akzeptiert werden - allein schon so eine Idee ist absurd, genauso wie ein Verbot von Gewalt darstellenden Spielen es auch ist. Zurück bleibt der Eindruck, dass die Eltern das allgemeine Verhalten (darunter auch seinen Medienkonsum, vor allem aber seinen Umgang mit Schusswaffen) viel stärker beobachten und rechtzeitig hätten eingreifen sollen.

Abschliessend noch ein Abschnitt aus dem Dialog zwischen dem jungen LAN-Organisator und Günther Jauch:

Jauch: "Die Verkaufskette Galeria Kaufhof nahm als Reaktion auf den Amoklauf alle Computerspiele, die für über 18 Jährige gekennzeichnet wurden, aus ihren Regalen -"

Orga: "- und werden sie in zwei Wochen wieder reinstellen. Das ist altbekanntes Verhalten."

stern TV Sendung, 18. März 2009, Bericht über die Gründe für Tim K.'s Amoklauf