Counter-Strike: erneute Schuldzuweisungen

Counter-Strike: erneute Schuldzuweisungen

Die Gratiszeitung .ch brachte in ihrer heutigen Ausgabe erneut eine Reportage über die so genannten "Killergames". Sie berief sich auf eine neue Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN).

 

"[...] Über 44000 Neuntklässler wurden befragt. Drei Prozent der Jungen und 0.3 Prozent der Mädchen sind von Computerspielen abhängig. Sie haben schlechtere Noten, schwänzen häufiger die Schule, haben weniger Schlaf und denken fünfmal häufiger an Selbstmord.[...]"
.ch: 'Wie Amok-Tim: Immer mehr spielen Killergames'. 19. März 2009

 Es gilt unter Gamers als beinahe entschiedener Fakt, dass das Spiel "World of Warcraft", ein Fantasy-Massively Multiplayer Online Role Play Game (MMORPG) das höchste Suchtpotenzial hat. Will man in diesem Spiel erfolgreich sein, muss man sehr lange dranbleiben; die grössten Erfolge erzielt man, indem man in einer Gruppe (oder "Gilde" genannt) bestimmte Missionen ausführt. Dies kann je nach Mission zwischen 20 Minuten und mehreren Stunden dauern. Dies wurde in der Zeitung nicht angesprochen.

Weiter berichtet .ch in einer Fact-Box mit dem Titel "Das Spiel der Amokläufer" über das Game "Counter-Strike":

"Am Abend bevor er 15 Menschen hinrichtete, spielte Tim K. Counter Strike, ein sogenanntes Ego-Shooter-Computergame. Im Spiel kämpfen Antiterroreinheiten und Terroristen gegeneinenander. Vor ihrer Tat spielten sie es alle: Robert Steinhäusern, der Killer von ERfurt, der 16 Menschen auf dem Gewissen hat. [...] Luis W., der Killer von Höngg. Er erschoss eine junge Frau an der Bushaltestelle. [...] "

.ch: 'Wie Amok-Tim: Immer mehr spielen Killergames'. 19. März 2009

Offensichtlich ist der Autor oder die Autorin mit dem Kürzel "mfa" Videospielen sehr abgeneigt; sonst hätte er/sie nicht Unwahrheiten verwendet, um eine ohnehin schwache Anschuldigung zu stützen. Tim K.'s Steam-Account besagt, dass er in den letzten Paar Wochen vor seiner Tat insgesamt 0.1 bis 0.2 Stunden Counter-Strike gespielt hatte, also sechs bis 12 Minuten. Das passt nicht mit der Berichterstattung, dass er am Abend seiner Tat das Spiel gespielt hatte (und dies vermutlich auch noch exzessiv) überein. Ausserdem gibt es keine Beweise, das Luis W. ("der Killer von Höngg") Counter-Strike spielte, bei Sebastian B. ist klar, dass er Counter-Strike nicht einmal besass, geschweige denn auf seinem Rechner installiert hatte.

Ausserdem befragte .ch den "Spielexperten" Marc Bodmer zum Thema:

"Von Verboten hält [Bodmer] nichts. 'Das einzige, was wirklich hilft, ist die Förderung der Medienkompetenz.' Man müsse den richtigen Umgang mit Computerspielen lernen."

.ch: 'Wie Amok-Tim: Immer mehr spielen Killergames'. 19. März 2009

In der Ergebniszusammenfassung der Studie des KFN wurden neun Thesen dargelegt, darunter:

1. Für mehr als drei Viertel aller Jugendlichen gehörte Gewalt in den zwölf Monaten vor ihrer Befragung nicht zu ihrem persönlichen Erfahrungsbereich.

2. Zur Entwicklung der Jugendgewalt zeigen die Befunde der Dunkelfeldforschung seit 1998 ingesamt betrachtet eine gleichbleibende bis rückläufige Tendenz.

[...] Ein drastischer Anstieg der Jugendgewalt - wie teilweise in den Medien berichtet - kann jedoch nach den vorliegenden Befunden nicht bestätigt werden.

6. Der stärkste Einfluss auf Jugendgewalt geht von der Zahl der delinquenten Freunde aus, mit denen die Jugendlichen in ihrem sozialen Netzwerk verbunden sind.

8. Der Konsum von Alkohol und illegalen Drogen, der einen eigenständigen Risikofaktor für gewalttätiges Verhalten darstellt, ist unter Jugendlichen weit verbreitet.

.Dirk Baier, Christian Pfeiffer, Julia Simonson, Susann Rabold: Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt. 2009

Alle der oben genannten Thesen konnten von KFN bestätigt werden.

Somit zeigt sich, dass obwohl die Medien ständig berichten, dass die Gewalt europaweit zunimmt, diese eigentlich eher stagniert bzw sogar abnimmt. Der zitierte Satz unter Punkt 2 spricht eine deutliche Sprache. Ausserdem sehen wir, dass das Umfeld der Jugendlichen, also Freunde und Familie, viel stärker zum Tragen kommt als der eventuelle Konsum von Gewalt darstellenden Games. Ausserdem kommen die Jugendlichen wohl einfach an Alkohol und Drogen und konsumieren diese auch relativ oft. Da diese Stoffe wahrnehmungsbeeinträchtigend bzw. halluzinogen wirken und überdies bleibende Schäden im Hirn und anderen Teilen des Körpers hervorrufen können, sind auch diese klar gefährlicher als das Spielen von "Killergames".

Das interessiert die Medien offensichtlich nicht.