SF Club: Bewusste Fehldarstellung

SF Club: Bewusste Fehldarstellung

Die Gesprächsrunde. www.sf.tvFür alle, welche die neuste Ausgabe der Sendung "Club" auf den SF-Sendern noch nicht gesehen haben; das Thema hiess "Amok" und behandelte den Amoklauf in Winnenden und die potenziellen Auslöser solcher Taten im Allgemeinen. Roland Näf war anwesend, somit wurde natürlich auch über "Killergames" berichtet. Mit Guido Berger, Gameredaktor auf DRS3, war die Gamergemeinschaft mit einer zwar etwas monoton sprechenden, aber trotzdem sehr eloquenten und kompetenten Person vertreten.

 

Roland Näf zeigte sich anfänglich als ruhiger und konzentrierter Gesprächspartner, im Laufe der Sendung wurde er jedoch sichtlich erregt und liess Berger zum Teil nicht ausreden, echauffierte sich jedoch selber, wenn dieser ihm das Wort einmal abschnitt: "Lassen Sie mich doch jetzt bitte mal ausreden."

Höhepunkt war klar ein Einspieler, welche einige - natürlich die brutalsten - Spielszenen aus "Grand Theft Auto 4" zeigten. Untermalt wurden die Bilder durch düstere Musik, und eine dunkle Stimme, welche morbide Kommentare von sich gab:

 "Soll ich ihn abknallen? Er hat Angst. Soll ich's tun? Ich könnte ihn laufen lassen ... andererseits, es ist so einfach, abzudrücken. Ich habe es schon getan. Tausend mal. Mal schauen welche Freiheiten ich in diesem Spiel wirklich habe. Was sind'n das für Typen da drüben? Euch zeig ich's. Dich knall' ich ab."

SF 'Club': "Amok" - Off-Voice im GTA4-Einspieler

Gezeigt wurde, wie der Spieler alias Niko Bellic einen unbewaffneten, sich ergebenden Zivilisten per Kopfschuss hinrichtet, sowie auf der Strasse herumläuft und wild auf Passanten einschlägt, -sticht oder auf diese schiesst. Dass die Polizei ihm nach dem ersten Schuss auf den Fersen war und ihn beinahe zur Strecke gebracht hatte, wurde natürlich nicht gezeigt - wieso auch? Würde doch das idealerweise kranke Bild vom Spiel verharmlosen.

Berger wurde gefragt, was denn "die Freude an solchen Spielen" sei. Er betonte, dass alle gezeigte Gewalt in diesen Bildern "Phantasiegewalt" ist, welche ein Faktor beim Erzählen von Geschichten sei kann - wie das in Filmen der Fall sei, oder in alten griechischen Mythologien...

Die gesamte Gesprächsrunde wurde so ausgelegt, dass die Spiele in einem schlechten Licht stehen. Nach dem Einspieler meldete sich Hardy Schober, der Vater eines Winnenden-Opfers zu Wort und sagte mir zunehmend zittriger und tränenverstickter Stimme zu Berger:

Schober: "Mir hat jetzt diese Einspielung sehr weh getan, weil ich ganz einfach gemerkt habe, 'ich knall' dich ab', und Sie - wie alt sind Sie?"

Berger: "35."

Schober: "35. Haben Sie Kinder?"

Berger: "Nein."

Schober: "Wenn Sie jetzt heute noch ein Kind zeugen, und in zehn Jahren, oder in 14 Jahren genau so alt sind wie ich, und Ihr Kind steht dann auf der anderen Seite, und der Täter sagt dann zu sich: 'Soll ich Dich abknallen' und er macht das wirklich, zu Ihrem Kind, in den Kopf, was würden Sie da denken?"

Berger: "Ich kann das nicht, also ich kann mir das nicht ausmalen, was ich da denken würde."

Schober: "Genau. Es ist grauenvoll. Es ist grauenvoll. [...] Drum kann ich die Diskussion, vorstellen und tun, nicht ausstehen. Es ist ein - ein Tötungsspiel. Früher [...] da gab's keine Computerspiele. Früher, da haben wir Bud Spencer [...] geschaut. Da war auch Gewalt, es wurde geschlagen. Aber nie ist einer zu Tode gekommen. Und hier in diesen Killerspielen ist der Tod gegenwärtig und keiner nimmt's auf!"

SF 'Club': "Amok" - Dialog zwischen Berger und Schober

Wie kann man eine Person, die zuvor einen geliebten Menschen durch so eine Tat verloren hat und nun immer noch unter Schock steht und tieftraurig ist, überhaupt in so eine Gesprächsrunde einladen? Es ist doch völlig klar, dass Schober in seiner Verzweiflung jeden allgemein akzeptierten Sündenbock annimmt, um irgendwohin die Schuld schieben zu können. Wieso kommt niemand darauf, dass der Vater des Täters seinem Sohn vielleicht nicht den Umgang mit Waffen hätte zeigen sollen, oder diese korrekt wegschliessen, oder einfach stärker auf das Verhalten des Sohnes achten? Weil die Games keine Lobby haben die sich wehrt. Eltern sind viele, und die wehren sich dann vehement fast schon dagegen, dass ihre Kinder in ihrer Verantwortung stehen...

Weiter wurde von Herbert Wyss, einem Notfallpsychologen, gesagt, dass man solche Spiele früher den Kindern einfach weggenommen hätte, gesagt hätte "Das geht nicht!" und es wäre gut gewesen. Heute müsse man sogar diskutieren, ob "so etwas" (also die Spiele) überhaupt geht. Natürlich soll kein Minderjähriger GTA4 spielen! Das ist doch gar nicht die Diskussion. Wyss sagte aber zu Näf, dass er die Idee eines Verbotes für bedenklich halte, denn irgendwie käme man trotzdem an die Spiele und das dann auch noch auf kriminellem Weg. Er sieht das Problem eher darin, dass die heutige junge Generation von ihren Eltern keine Werte und Normen bekommen hat, und somit solche Spiele spielt bzw. solche Taten verübt: "Eigentlich müssten wir unsere Kinder lernen" - das reicht schon: Genau! Eigentlich müssten die Eltern auf ihre Kinder achten und ihnen ein stabiles Umfeld bieten, sowie ihnen klare, korrekte Moralvorstellungen mitgeben.

Die Moderatorin richtete eine interessante Frage an Wyss: Was passiert mit Jugendlichen, die ein komplett intaktes Umfeld haben, psychisch stabil sind, solche korrekten Moralvorstellungen haben und solche Spiele spielen? Wyss antwortete klar:

 "Also, es gibt sehr viele Untersuchungen darüber, das ist ein Thema, das gut untersucht wurde, psychologisch. Mann kann eigentlich sagen: Wenn ein Mensch eine normale Moralentwicklung hat, dann kann er mit diesen Spielen wirklich umgehen, ohne dass er dabei zu einem Gewalttäter wird. Gute Gefühle wird er dabei auch nicht entwickeln, er wird nicht krank werden, er wird kein Gewalttäter werden.  [...]"

SF 'Club': "Amok" - Herbert Wyss

Quod erat demonstrandum.

Wyss beweist dann jedoch auch, dass er von den Spielen selbst keine Ahnung hat; er spricht davon, dass "Gamecommunities" gefährlich sind, weil man dann immer auf einen höheren "Gewaltlevel" kommen muss, um noch mithalten zu können; dies sei in World of Warcraft der Fall und oft auch in "Counter-Strike"... Berger fragt zwar dazwischen, was er damit genau meint, und es ist ihm anzumerken, dass es ihn stört, dass Wyss solche Behauptungen von sich gibt. "Gewaltlevel" ist eine ungefähr gleich falsche und ignorante Worthülse wie "Killerspiele".

Näf attackiert gegen Ende des Gesprächs erneut "Stranglehold", sein Paradebeispiel - wir erinnern: Die Klage wegen "gewaltverherrlichenden Inhalten" wurde damals abgewiesen, Näf verlor den Fall. Er führt aus, dass er in Stranglehold nicht weitergekommen ist ohne eine bestimmte Anzahl an Menschen zu töten. Und er hätte selbst, und das hätte ihn geärgert, einen Triumph gespürt als er durchs Töten weitergekommen sei ... ausserdem zeigt er sich geschockt, dass die Eltern seiner Schüler diesen Spiele wie GTA4 kaufen. Er argumentiert, dass erst ein Verbot die Eltern richtig aufhorchen lässt und sie aufmerksam macht: "Achtung, das ist illegal."

Aber wie weit sind wir gekommen, wenn Eltern ein Verbot brauchen, um zu merken, dass ihre Kinder Medien konsumieren, welche nicht für ihre Alters- und Reifestufe konzipiert wurden?

Schober kündigte ausserdem an, dass in Bälde ein "Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden" gegründet werde mit dem Ziel, "die Politik wachzurütteln, dass nicht immer nur Versprechungen kommen, sondern auch mal Taten". Näf musste natürlich noch mit einspringen und kündigte für den 28. April die Gründung des "Vereins gegen mediale Gewalt", der "genau dieselben Ziele verfolgt wie das in Deutschland der Fall ist".

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